[Januar 2015] Vor vollbesetzter Aula des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums Leverkusen berichtete der in Deutschland geborene Sally Perel von seinem Schicksal als Jude in Nazideutschland, das er als NS-Sympathisant getarnt überlebte. Bekannt wurde Perel durch die Verfilmung seiner Jugendjahre als „Hitlerjunge Salomon“ 1990. Die unfassbaren Ereignisse und die Bedeutung jener Zeit für die Zukunft zu bewahren, gab Perel als Auftrag an die Schülerschaft weiter.
Es ist ein freundlicher betagter Herr, der am Lesepult auf der Bühne der Aula Platz nimmt und das knarzende Mikrophon zurechtrückt. Doch was er zu sagen hat, lässt das Publikum über zwei Stunden sehr nachdenklich und innerlich tief bewegt in gespannter Stille verharren.
Geboren 1925 im nieder sächsischen Peine, erlebte Perel ein glückliche und unbeschwerte Kindheit, geborgen im Kreis seiner Familie. Er schildert seine tiefe, kindliche Ahnungslosigkeit ob der politischen Entwicklung, die das Leben vieler Millionen Menschen zerstören wird, gepaart mit einem Sicherheitsgefühl, das zunehmend auf Verdrängungsleistung basierte: „Die Nazis, die gegen die Juden waren und schreckliche Dinge verkündeten, die meinten doch nicht mich - ich war doch nur ein Kind!“ Seine altersbedingte Naivität kontrastiert Perel mit der erschreckenden Naivität einer ganzen Generation, in Deutschland wie im Ausland: „Was Hitler vorhatte, hat er nie verschwiegen. Es kam in jeder Rede vor und konnte in ‚Mein Kampf‘ von jedem Wort für Wort nachgelesen werden.“ Alle konnten wissen, was kommen würde.
Der Verlust von Geborgenheit und Heimat beginnt für Perel unwiderruflich mit seinem Rauswurf aus der Schule, die er als Jude nicht mehr besuchen durfte. Noch heute leide er unter diesem ihm damals völlig unverständlichen, barbarischen Akt. Als für Perels Eltern offensichtlich wurde, dass die Nazis den Juden in der deutschen Gesellschaft keinen Platz mehr lassen würden, siedelte die Familie 1938 nach Lodz in Polen um. Doch auch hier waren sie nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 nicht sicher: Während Perels Eltern und seine Schwester Bertha im bald als Ghetto kasernierten Teil der Stadt blieben, zogen er und sein älterer Bruder in den nun sowjetischen Teil Polens an die Front. Bei der Trennung von seinen Eltern, die er nie wieder sehen sollte, erhält er zwei sich widersprechende Ratschläge, die ihm helfen zu überleben, ihn aber auch in ein Dilemma stürzen: Während der Vater ihm rät, nie zu vergessen, wer er sei – nämlich Jude, erteilt ihm seine Mutter den Auftrag: „Du sollst leben!“ - ein Auftrag, den man als offen bekennender Jude kaum überleben konnte.
Seine Angst, als er in Ostpolen von den deutschen Wehrmacht gefasst wurde, und seine Überlebensstrategie, sich als Reichsdeutscher auszugeben, schilderte der bald 90-Jährige in bewegenden Worten. Als „Joseph Perjel“, Spitzname „Jupp“, fungierte er zunächst als deutsch-russischer Übersetzer für die Wehrmacht. „Ich könnte ein ganzes Buch schreiben nur mit den Tricks, die ich aufwandte, um meine wahre Identität zu verschleiern“, sagt Perel. Dennoch wurde seine wirkliche Identität von einem Soldaten an der Front aufgedeckt, der als Homosexueller die körperliche Nähe zu Sally Perel suchte. Doch statt des erwartbaren Verrats entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden, die Perel half, zwei Jahre an der Front zu überleben, bevor er zurück ins „Vaterland“ an eine Schule der HJ geschickt wurde.
Hier entwickelte Perel ein beinahe schizoides Doppelleben, indem er tagsüber als begeisterter Anhänger des Nazionalsozialismus dem „Endsieg“ entgegenfieberte, jedoch abends als Jude die Entdeckung seiner wahren Identität und den Tod als Ende dieser Qualen herbeisehnte.
Dass seine Zeit als HJ-Schüler auch komische Momente hatte, wäre nicht ständig die Todesangst gewesen, wird deutlich in der Schilderung Perels von einer Stunde Rassekundeunterricht: Sein Lehrer identifizierte ihn nach genauester Körpervermessung trotz dunkler Haare als Angehörigen der „Baltisch/Arischen Rasse“, nicht als Juden.
Nach Kriegsende emigriert Perel nach Israel, doch erst vierzig Jahre später schreibt Perel seine Erlebnisse als eine Art therapeutische Maßnahme nieder, um mit den quälenden Erinnerungen auf eine Art fertig zu werden. Der Erfolg seines Buchs und des darauf basierenden Films bestärken ihn darin, Botschafter für eine bessere Zukunft zu werden, für Versöhnung und Toleranz zu werben und noch als bald 90-Jähriger die Strapazen von Vorlesereisen auf sich zu nehmen. Perels Vortrag ist voll herzlicher Zugewandtheit zur jungen Generation, der er eindringlich ans Herz legt, kritisch zu sein, nachdenklich zu sein und sich nicht von Neonazis ködern zu lassen – jetzt, da sie die Wahrheit wüssten und überdies sich in Auschwitz selbst ein Bild von der Schreckensherrschaft machen könnten. Glaubt man dem langanhaltenden Applaus und dem Interesse an Buch und Autogramm, so scheint die Botschaft angekommen zu sein.
Gundula Jende-Soeken (Geschichte/Deutsch/Sozialwissenschaften)

